„Bodensee 1989: Der Abend, an dem der Wein zu uns sprach“

Es war im Jahr 1989. Damals unternahmen wir eine verrückte Reise durch Europa, mit einem langen Zwischenstopp am Bodensee. Dort keimte in uns jenes besondere Gefühl, das wir heute für die Rebe empfinden.

 

Am Ende der kommunistischen Ära begleitete uns der naive Glaube, dass eine Reise von Stettin über Hannover an den Bodensee und dann quer durch fast ganz Frankreich an die Côte d’Azur absolut in unserer Reichweite liege. Die unerschütterliche Überzeugung vom offensichtlichen Erfolg dieser Fahrt und die Entschlossenheit, mit der wir unser Vorhaben in Angriff nahmen, ließen uns vier unvergessliche Wochen überstehen – voller wunderschöner, aber auch dramatischer Momente. Ausgestattet mit einem chinesischen Zwei-Personen-Zelt, Schlafsäcken und überall in Polen anzutreffenden Polsport-Luftmatratzen  machten wir uns auf ins Ungewisse.

Wir kehrten heil und gesund zurück – trotz der tausenden Kilometer, die wir per Anhalter zurückgelegt hatten, mit erbärmlich wenig Geld in der Tasche, gelegentlich unter freiem Himmel im Park schlafend und … uns hauptsächlich von Amino-Fertigsüppchen ernährend, die wir auf einem alten sowjetischen Campingkocher zubereiteten.

 

Zwar stand ab und zu auch eine Milka-Schokolade auf dem Speiseplan, doch der Blick ins Paradies war nur ein kurzer – wie es beim Paradies nun einmal so ist.

 

Apropos Geld: Es ist heute schwer vorstellbar, aber das durchschnittliche Monatsgehalt entsprach damals – umgerechnet zum Schwarzmarkt-, also zum realen Kurs – etwas mehr als 40 US-Dollar. Wir hatten vielleicht 300 davon im Portemonnaie für einen ganzen Reisemonat. Woher? Das dürfen wir nicht verraten …

In diesen gut zwanzig Tagen haben wir ein Drehbuch für einen ganz ordentlichen Roadmovie geschrieben. Vielleicht nicht für „Thelma & Louise“, aber für „Sideways“ sicherlich.

 

Man muss sich die damaligen Realitäten vor Augen führen, die diesen verrückten Plan begleiteten. Ende der 1980er-Jahre gab es noch zwei deutsche Staaten, das sowjetische Imperium schwächte sich zwar ab, aber Michail Gorbatschow glaubte fest daran, dass der Kommunismus reformierbar sei und die Sowjetbürger glücklich machen könne. Er beschleunigte den Zerfallsprozess Jugoslawiens, der wenige Jahre später in einem außerordentlich blutigen Krieg endete. Die Teilung in Ost und West schien unüberwindbar, und es war alles andere als selbstverständlich, dass der Kommunismus in dieser Weltregion nicht weiterhin das geltende System bleiben würde. An der deutsch-deutschen Grenze durchsuchten die dem Honecker-Regime am treuesten ergebenen Zollbeamten und Soldaten die Züge auf der Suche nach Flüchtlingen aus der DDR, die in eine bessere Welt gelangen wollten.

 

Sie taten dies methodisch, mit der für diesen Beruf typischen Entschlossenheit – gewürzt mit einer kräftigen Prise kommunistischer Doktrin.

Das Überschreiten der Grenzen zwischen den Staaten wurde damit zu einer Herausforderung – selbst für völlig legale Reisende.

 

In Polen herrschten Lethargie und Entmutigung. Die sozialistische Wirtschaft lag in Trümmern, und die Menschen wanderten massenhaft in den Westen aus. Armut war allgegenwärtig und die Ladenregale wurden mit Essig gefüllt – dem einzigen Produkt, das in der Spätphase der Volksrepublik Polen uneingeschränkt erhältlich war.

 

Eine Unternehmung in den Westen stellte damals eine Reise in eine märchenhafte Welt dar, in der jeder durch harte Arbeit seine Träume verwirklichen konnte. Und wir, zwei ineinander verliebte Studierende, wollten dort im Jahr 1989 unsere Sommerferien verbringen. Ein wahnsinniges Vorhaben – das jedoch schon bald unser Leben grundlegend verändern sollte.

 

In Wasserburg am Bodensee, einem wunderschönen und erhabenen Ort, umgeben von den Alpen, die bei guter Sicht ihre ewig weißen und majestätischen Gipfel stolz präsentieren, verbrachten wir eine Woche. Dort tranken wir zum ersten Mal in unserem Leben, an einem der vielen warmen Abende, die sich mit der Nacht vermischten, ein Viertelglas Weißwein. Eigentlich war es unsere erste wirkliche Begegnung mit diesem edlen Tropfen. Alles, was wir vorher getrunken hatten, war Wein nur dem Namen nach (und wurde ohnehin selten und in kleinen Mengen konsumiert).

 

Wir saßen an einem steinigen Strand direkt an den Mauern der Burg, die auf einer Anhöhe der Halbinsel lag. Die Wellen des Sees schwappten träge an unsere Füße. Eine Atmosphäre wie in einem mediterranen Badeort war allgegenwärtig. Unsere Nachbarn, die nicht allzu laut sprachen, widmeten sich der Verkostung erlesener Speisen und genossen dazu ein Glas Weißwein. Der Kellner empfahl einen feinen Tropfen aus der Region. Ich erinnere mich nicht, ob es Müller-Thurgau oder Weissburgunder war, aber das Erlebnis, das wir hatten, war nicht von dieser Welt. Die grünlich-gelben Reflexe im Mondschein wirkten, als seien sie von der Guten Fee aus der klassischen Disney-Version von „Cinderella“ aus dem Jahr 1950 geschaffen worden. Das Glas war von einer dünnen Wasserschicht überzogen, was auf einen deutlichen Temperaturunterschied hinwies. Obwohl dieser wundervolle Wein kalt war, griffen uns die Aromen beinahe an. Wir konnten uns nicht beherrschen und tranken – anstatt den Moment zu genießen – diesen jungfräulichen Wein viel zu schnell und zu gierig.

Dann kamen das erste Weinfest in Nonnenhorn, unsere erste Traubenernte (aus purer Leidenschaft) und Dutzende enotouristischer Reisen.

Doch wahrscheinlich war es jener Abend, der darüber entschied, dass wir über 30 Jahre später den Verein Weinspass gründeten. Wir glauben fest daran, dass wir euch mit unserer Leidenschaft anstecken werden

Mitglieder des Vereins

 

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